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  • Iri Kirova

Berlin du warst so wunderbar, oder: Wie ich mich zwei Mal verliebte, aber nur einer Liebe treu blieb

Aktualisiert: 14. Juni 2019

Nirgendwo sonst ist man so sehr mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert wie in der Stadt. Während ich an der Friedrichstraße auf die Bahn warte, projiziert mein Kopfkino mir Bilder von rosawangigen Landbewohnern, die lächelnd über grüne Weiden schreiten. Meine Gedanken schweifen immer ins Romantische ab, wenn mir U-Bahnmief in die Nase steigt. Neidvoll muss ich anerkennen, wie selten die Landbewohner auf die Bahn warten müssen. Hach, haben die es gut.

Im Vergleich zum herzerwärmenden Erstlingswerk würde die Fortsetzung "Zwei Farben: Stadt" blass daher kommen. Die Stadtbewohner trügen darin einen bläulichen Teint, wären ausgemergelt, kränklich, auf ihre Figur bedacht, zynisch und prätentiös (ungefähr wie der erste Absatz).

Berlin, du bist gefährlich

Und wie sollte es auch anders sein, wenn das Leben in der Stadt doch einen Hindernisparcours ohnegleichen darstellt. Einmal nicht über rot gehen - schon hat man die Bahn verpasst. Und man outet sich als Tourist. Schlimm. Ganz zu schweigen davon, wenn man bei rot über die Straße geht. Die Stadt bestraft seine Träumer immer sofort.

Dabei züchtet die Stadt doch seine Träumer erst heran. Fürs Schwelgen ist nämlich viel Zeit. Ob beim Anstehen im Discounter, bei der Post, selbst im Schwimmbad, auf der einen beliebten Bahn, auf der sich donnerstags ebenfalls eine Schlangenbildung beobachten lässt. Ähnlich wie auf der Autobahn gibt es auch hier eine Hackordnung: zuerst die Raser, gefolgt von den sich diszipliniert einfädelnden Anfängern mit Schwimmflügeln und ganz zum Schluss Träumern wie mir, die sich das alles erst einmal in Ruhe ansehen.

Berlin, du bist nervig

Die Steigerung des Anstehens erfährt man beim Verlassen der Transportmittel, den Öffis. Wenn ich "einsteigen" google, gibt es 13.700.000 Ergebnisse. Suche ich allerdings nach "erst aussteigen lassen", ist es nur noch ein Fünftel dessen. Das macht also locker 3 Millionen Berliner, die sich mit diesem Thema nicht ausführlich genug beschäftigt haben. Kein Wunder, dass das in der Praxis nicht funktioniert.

Das Wort Stress kann ebenfalls nur einem Stadtmenschen in den Sinn gekommen sein. Zugegeben, der Berliner Alltag bietet wenig Meditatives. Eine der ersten Wohnungen, die ich mir in Berlin angesehen habe, befand sich im Erdgeschoss und lieferte vom Küchenfenster einen wunderbaren Blick - auf den Hausmüll. Ich hab die gesamte Roomtour mitgemacht, aber nur aus falschem Anstand dem Makler gegenüber. Die Wohnung hab ich nicht genommen und fand später etwas im dritten OG. Ab da blickte ich auf einen Baum und den Müll dahinter.

Aber genug Trübsal geblasen, auch wenn sich das zu dieser Jahreszeit wunderbar anbietet. Berlin hat auch sein Gutes. Das Zusammensein mit Vielen. Der viele Platz, den man nur für sich hat. Der Berliner Dialekt, der immer gut für eine Anekdote ist (Gespräch mit dem Finanzamt: Ich stelle eine Frage zur Steuererklärung. Antwort: Dit kannste dir doch denken!). Die Vielfalt der Sprachen während einer Busfahrt. Museen, Theater, Ausstellungen, Parks. Kleine süße Läden, große weite Geschäfte. Und das Beste:

In Berlin habe ich Bert kennengelernt. Seitdem sehen wir gemeinsam auf den Baum und den Müll dahinter.

Berlin, du bist wunderbar

Für jede schroffe Berliner Schnauze, grüßt dich ein kauziger Nachbar und zeigt dir mit glänzenden Augen Fotos seines Enkels. Für jede Ringbahn, die wieder auf sich warten lässt, überrascht dich die Tram im gefühlten Minutentakt. Für jeden Matcha Latte schlürfenden Content Manager mit selbst gehäkeltem Einkaufsnetz, der dir unbedingt diesen einen tollen Laden zeigen will, gibt es jemanden, der sich tatsächlich bei dir meldet und dich auf einen Kaffee einlädt. Für jede schlechte Pizza, gibt es einen fantastischen Döner. Für jedes Startup, das dich zwar nicht bezahlen kann, aber mit Tischfussball lockt, gibt es einen Arbeitgeber, der dich unbefristet einstellt. Für jeden Kaffeebecher, der auf die Straße geworfen wird, gibt es jemanden, der einen neuen Garten anlegt. Für jeden, der im Auto flucht, gibt es jemanden, der in den Straßen ein Lied summt. Für jeden, der groß tönt, dieses geile neue Projekt am Start zu haben, gibt es jemanden, der beharrlich an seinen Traum arbeitet und nicht nur davon erzählt.

Berlin, du hast viele Gesichter. Und ich liebe einige davon. Du veränderst dich ständig und bleibst doch irgendwie immer du selbst. Nun tue ich das zur Abwechslung auch mal. Dit hättste dir ja denken können. Das ist kein Abschied für immer, aber ein Abschied fürs erste.

PS: Augsburg soll auch ganz schön sein.

PPS: Schaut gerne auch mal bei Insta @kirovairofficial oder Pinterest @kirovair vorbei.


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